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Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Hanau-Mitte

  
 Die Freiwillige Feuerwehr Hanau Mitte im Wandel der Zeit:
  • Die Freiwillige Feuerwehr im Jahre 1861
  • Die frühe Geschichte Hanaus
  • Die erste Verordnung zum Feuerschutz in Hanau
  • Die Zeit um den Dreißigjährigen Krieg
  • Reorganisation in den Jahren nach 1820
  • Turnerrevolution von 1848
  • Reformierung der Turnerfeuerwehr 1861
  • Die Zeit von 1934 bis 1945
  • Ein Feuersturm - Die Nacht vom 19. März
  • Wiederaufbau nach 1945
  • Egon Zeiger kommt ums Leben
  • Gründung der Jugendfeuerwehr
  • 24-Stunden-Bereitschaftsdienst
  • Bemerkenswerte Einsätze
  • 150 Jahre Freiwillige Feuerwehr Hanau

Die Freiwillige Feuerwehr im Jahre 1861

 

Die Freiwillige Feuerwehr Hanau wurde im Juli 1861 offiziell gegründet. Aber die Geschichte des Feuerlöschwesens beginnt natürlich nicht erst mit diesem Datum. Auch wenn aus den Anfängen des kleinen Residenzstädtchens nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, so sind wir trotzdem in der Lage, die Entwicklung recht präzise nachzuvollziehen. 

Die frühe Geschichte Hanaus 

Wie viele andere Städte auch, entwickelte Hanau sich im Vorfeld einer im 12. Jahrhundert entstandenen Burg. Im Jahre 1303 wurde Hanau mit Stadtrechten ausgestattet und mit einer Befestigungsmauer umgeben. Die Enge in der mittelalterlichen Ansiedlung und die Bauart der Häuser bedingten eine erhebliche Brandgefahr. In Anbetracht einer solchen, nach heutigen Maßstäben völlig unzureichenden Bauweise verwundert es natürlich nicht, dass ein einmal ausgebrochener Brand oftmals ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legen konnte.

Deswegen ist es um so erstaunlicher, dass Hanau bis zum 19. März 1945 von verheerenden Stadtbränden verschont blieb.

Neben einer gehörigen Portion Glück dürften dafür aber auch die bereits sehr frühzeitig erlassenen Bürger- und Feuerordnungen sowie die angeschafften Gerätschaften für den abwehrenden Brandschutz mitverantwortlich sein.

Die erste Verordnung zum Feuerschutz in Hanau 

So stammt die erste uns bekannte Feuerordnung aus dem Jahr 1572, deren Bestimmungen aber darauf schließen lassen, dass es bereits zuvor, für damalige Verhältnisse umfangreiche, Regelungen betreffend des Brandschutzes gegeben haben muss. Auch lässt der Wortlaut den Schluss zu, dass es bereits seit längerem eine – wie auch immer organisierte - Löschmannschaft gab. 

 

Der Beginn dieser ältesten bekannten Hanauer Feuerordnung sei hier kurz wiedergegeben:

„Fewer Ordnung

Wenn fewers nott Vorhanden, daß man Zu Sturm leuttet, so sollen die Jenigen so zum Fewer Verordnet sein, sich so baldt mit Iren gesetzten liedern Aymern geschickt machen. Undt wohin sie bescheyden werden, lauffen. Gleicher gestalt sollen die fhurleut, mit den Feuer hacken Undt leittern zu füren hernach eilen (...).“   

 

Nach der Gründung der Hanauer Neustadt wurde 1609 eine neue, umfassende Feuerordnung erlassen, welche sich in die Kapitel

1.       Von der Vorsorg auff Brandt Zeiten

2.       Wessen man sich beim und undern brandt habe zu verhalten

3.       Was nach dem brandt zu verrichten                                

aufgliederte und bereits 1617 wieder überarbeitet wurde.

Nach dieser neuen Feuer-Ordnung hatte jeder vermögende Bürger einen „ledt waßer=Emmer, benebein eine Meßing spreutzed bei handen zu haben.“  

 

Die Zeit um den Dreißigjährige Krieg

Für das Jahr 1636 - bemerkenswerter Weise gerade während den für Hanau so schicksalsschweren Jahre des 30-jährigen Krieges – belegen die Ratsprotokolle, dass die Neustadt über eine „Wasserspritz“ verfügte, die allerdings „nit mehr als ein model und nit tuchtig zum Gebrauch“ befunden wurde.

Und schon im Jahre 1644 ist die Anschaffung einer weiteren Feuerspritze belegt, welche 75 Reichstaler kostete, von 4 Pferden gezogen werden musste und „so hoch als ein hauß spritzte.“

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts verfügte dann allein die Neustadt über 11 Feuerspritzen. Weitere werden sich mit Sicherheit in der Altstadt und im Schloß befunden haben, über sie haben wir allerdings keine Unterlagen mehr.

In den folgenden Jahrzehnten wurden die Feuerordnungen und die Löschgerätschaften ergänzt und fortgeschrieben. Neue Feuerordnungen stammten aus den Jahren 1690, 1695, 1767 und 1773, und auch die „Verordnung für die Bewohner der Altstadt Hanau“ aus den Jahren 1729 und 1730, welche ähnlich auch für die Neustadt galt, enthielt größtenteils Brandschutzbestimmungen. Ergänzt wurden diese Regelwerke durch die Brunnenordnungen und die in den Ratsprotokollen festgehalteten Beschlüsse.

Bis 1696 erwarb die Neustadt außerdem „zwei neue Schlange-Feuer-Spritzen nach Art und Weise deren in Holland neu-erfundenen“, eine große auf Rädern und eine weitere, die auf Schleiffen gezogen werden mußte.

Als 1813 nach der Franzosenherrschaft die alte, kurfürstlich-hessische Regierung wieder an die Macht kam und die erhofften Verbesserungen für die Menschen ausblieben, litt auch das Feuerlöschwesen in erheblichem Maße. Aus einem im März 1818 erstatteten Bericht entnehmen wir, daß im Brandfall nur noch die Offiziere und ein paar Handwerker erschienen und Übungen nicht mehr durchgeführt wurden. 

Reorganisation in den Jahren nach 1820

Aber auch die im Jahr 1820 erfolgte Reorganisation mit Unterstellung der Löschmannschaften unter den Befehl der Polizei-Direktion brachte keine dauerhafte Besserung. So heißt es beispielsweise in einem Bericht über die Spritze No. 1 nach einem Großbrand im Jahre 1840, dass „die Mannschaften meist untauglich und zum Trinken geneigt“ wären.

 

Im Jahr 1843 kam es dann zu der einschneidenden Verbesserung, als dem Wunsch des Vorstandes der Hanauer Turngesellschaft entsprochen wurde, den Turnern eine Feuerspritze und weitere Gerätschaften zur Bedienung zu überlassen.

Der 1. Juni 1843 steht für das Datum, als sich mit der feierlichen Übergabe der neuen Feuerspritze an die Turner das erste freiwillige Löschcorps bildete. Dieses bestand aus ca. 100 Mann; Gründungsvater und erster Hauptmann war der Hanauer Weinhändler August Schärttner.

Von nun an war zumindest auf eine Feuerspritze bei den zahlreichen Bränden Verlass. Doch sollten noch einige Jahre vergehen, bis eine zweckmäßige Organisation aller städtischen Löscheinrichtungen gefunden wurde.   

Turnerrevolution von 1848 in Hanau

Als im Revolutionsjahr 1848 die kurfürstliche Polizeidirektion von der Stadtverwaltung verlangte, die der Turngesellschaft überlassene Feuerspritze zu entziehen, widersetzte sich Oberbürgermeister Eberhard diesem Ansinnen und antwortete: 

„(...) daß die Löschanstalten durch die Beihilfe der Turner eine sehr ansehnliche Verbesserung erfahren hätten, daß die Turner stets die ersten am Platze wären und mit einer Gewandtheit und Umsicht arbeiteten, die noch bei jedem Brandunglück ausschlaggebend gewesen seien (...).“ 

Die weitere geschichtliche Entwicklung bedingte dann, dass die Turner die Feuerspritze behalten und sich weiter regelmäßig zum Üben treffen durften.

Das größte Problem im Brandfall war zweifellos das gewaltige Durcheinander, da neben dem Turner-Löschcorps auch noch die anderen städtischen Spritzenmannschaften und die Handwerker- und Rettungsgesellschaft nach eigenem Gutdünken herumwerkelten. 

„Und jede der betreffenden Abtheilungen strotzt zur Zeit von Hauptvorstehern, Führern, Deputierten und anderen graduierten Leuten. Jeder von diesen will befehlen. Auf der anderen Seite begehrt niemand zu gehorchen“, entnehmen wir einem Bericht der Polizei-Direktion von 1859.

Nach einer anderen Beschwerde an den Stadtrat „litten die Wasserträger vermutlich an der Wasserscheu“, da sie bei keinem Brand zugegen waren. Daher wurde vorgeschlagen, dass „ein Mann aus der hiesigen Bürgerschaft, welcher die erforderliche Energie und die nöthigen technischen Kenntnisse besitzt, allen Abtheilungen der Löschmannschaften vorgesetzt wird.“ Der damalige Oberbürgermeister Cassian richtete daraufhin ein – schon lange überfälliges - Ersuchen an den Vorstand der Turnerfeuerwehr, zweckmäßige Vorschläge zur Reform des Feuerlöschwesens zu machen.  

Reformierung der Turnerfeuerwehr zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Hanau

Dies führte im Juli 1861 zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Hanau.

Diese bestand zunächst aus einem Steiger-Corps, der Spritzenmannschaft und Wasserträgern und umfasste 374 Mann, allesamt Turner. Hauptaufgabe der folgenden Jahre war eine gründliche Ausbildung der Mannschaften nach den Vorgaben von Carl Metz sowie die Anschaffung von dringend benötigten Geräten und Ausrüstungsgegenständen. Daneben musste eine Taktik gefunden werden, wie die weiterhin bestehende Pflichtfeuerwehr und die freiwillige Feuerwehr am besten koordiniert werden konnten, ohne sich gegenseitig zu behindern. Nachdem man 1864 ein Oberkommando für die Turnerwehr und 1865 ein gemeinsames Oberkommando für alle städtischen Löschanstalten geschaffen hatte, erfolgte 1870 die Überführung der alten städtischen Löschzüge in die freiwillige Feuerwehr, so dass die Reorganisation des Feuerlöschwesens im Wesentlichen als Abgeschlossen gelten konnte. Als man mit großem Aufwand 1886 das 25-jährige Jubiläum feierte, verfügte man über eine auf der Höhe der Zeit stehende Feuerwehr.

Weitere Meilensteine stellten die Indienststellung der städtischen Wasserleitung im Jahre 1890 sowie die Installation der elektrischen Feueralarmanlage mit Straßenfeuermeldern im Jahre 1896 dar. Im Jahre 1909 wurde die erste Drehleiter – allerdings noch als Handzugleiter ohne Motor - angeschafft, und im Kriegsjahr 1917 folgte die erste Motorspritze der Firma Opel, welche 2.000 l/min fördern und neben 11 Mann Besatzung auch zahlreiche Leitern, Schläuche und Gerätschaften transportieren konnte. 1926 wurde die Anschaffung der zweiten Motorspritze getätigt, ebenfalls auf Opel-Fahrgestell, mit aufgeprotzter Metz-Patentleiter von 22 m Länge. Sie wurde vorwiegend aus Spenden finanziert.

Mit der Eingemeindung Kesselstadts 1907 trat auch die dortige freiwillige Feuerwehr, bestehend aus einem Steigercorps und zwei Spritzencompagnien, unter das Hanauer Oberkommando, ein Vorgang, der gerade in den ersten Jahren doch einige Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten mit sich brachte.

Die folgenden, schweren Jahre des 1. Weltkriges und der Weimarer Republik mit Inflation und Weltwirtschaftskrise stellten die Feuerwehrmänner vor schwere, fast unüberwindliche Aufgaben. Trotzdem gelang es während der ganzen Zeit, ein funktionierendes, auf Freiwilligkeit basierendes Feuerlöschwesen aufrecht zu erhalten. Während des Krieges 1914 – 1918 waren über die Hälfte der Feuerwehrleute aufgrund von Einberufungen oder von Hilfsdiensten außerhalb Hanaus und somit nicht verfügbar, so dass fast ausschließlich altgediente Kameraden und die Jugendfeuerwehr den Feuerwehrdienst versehen mussten.  

Die Zeit von 1934 bis 1945

Doch all die Schwierigkeiten dieser Epoche waren ein Nichts im Vergleich zu dem, was die kommenden Jahre an bitteren Erfahrungen und Leid bringen sollten. Ständige Umorganisationen im „Dritten Reich“ formten aus der traditionellen Freiwilligkeit der Feuerwehren ab 1934 eine Hilfspolizeitruppe, welche straff militärisch gegliedert war. Die althergebrachte Aufteilung in Steiger- und Spritzenabteilungen wurde aufgegeben und die Ausbildung als Einheitsfeuerwehrmann angeordnet und durchgeführt. Die Altersgrenze für aktiven Feuerwehrdienst wurde per Gesetz auf 60 Jahre beschränkt, was viele ältere Kameraden von jetzt auf sofort ausschloss und, neben anderen Gründen, den Mannschaftsbestand von 450 auf 220 Mann senkte. Wer ahnte damals schon, dass einige von ihnen nur 5 Jahre später wieder zur Feuerwehr notdienstverpflichtet wurden, da die jungen Männer in den unseligen Krieg ziehen mussten.

Das Oberkommando wurde nicht mehr gewählt, sondern ganz im Sinne des nationalsozialistischen Führungsanspruches durch den Polizeidirektor ernannt. Es hatte sich nun Führerrat zu nennen und zu geloben, die Wehr im Sinne des Führers zu leiten. Der „Deutsche Gruß“ und soldatisches Auftreten wurden im Dienst zur Pflicht, aus der freiwilligen Feuerwehr Hanau wurde die Feuerlöschpolizei Hanau formiert. Eine reichseinheitliche „Satzung“ musste beschlossen und genehmigt werden, gemäß der nur noch Männer arischer Abstammung der Feuerwehr angehören durften. Altgediente Feuerwehrmänner jüdischen Glaubens (oder auch anderer politischer Überzeugung) wurden ausgeschlossen. Ihr weiteres Schicksal begann mit Schikanen, später folgten weitere Erniedrigungen, zum Teil Verhaftung, und einige von ihnen wurden in die KZ’s des Terrorregimes verbracht und dort brutal mißhandelt oder ermordet.

Ein schwarzer Tag in der Geschichte der Hanauer Feuerwehr wird immer der 10. November 1938 bleiben, als während dem als „Reichskristallnacht“ verhöhnten Judenpogrom die Synagoge in der Nordstraße in Brand gesteckt wurde und es der Feuerwehr verboten war, zu löschen und das Gotteshaus vor der Vernichtung zu bewahren.

Ein neues Gerätehaus am Freiheitsplatz – das ehemalige Zeughaus - wurde im Jahre 1936 „feierlich“ mit dem damals üblichen nationalsozialistischen Pomp eingeweiht. Neue Feuerwehrfahrzeuge wurden, schon in mehr oder weniger heimlicher Vorbereitung des bevorstehenden Krieges, in großem Umfang und auf Anordnung „von oben“ ab 1938 in Dienst gestellt. Besaß man im Januar 1938 lediglich 3 Motorspritzen, so standen im Dezember 1943 hingegen derer 12 zur Verfügung.

Die Machthaber versuchten, die Feuerwehrleute durch neue Technik, „schicke“ Uniformen, Beteiligung an Aufmärschen sowie durch Beförderungen und Belobigungen bei Laune zu halten.

Doch dies alles war nur die Fortführung jener verhängnisvollen Entwicklung, welche auch für Hanau, die dort lebenden Menschen und die Feuerwehr in die Katastrophe des menschenverachtenden Krieges und zu dem Inferno des 19. März 1945 führte.

Der am 1. September 1939 ausgebrochene 2. Weltkrieg stellte auch die Feuerlöschpolizei Hanau vor unlösbare Aufgaben. Durch die seit Kriegsbeginn erfolgten Einberufungen zur Wehrmacht und UK-Stellungen in der Rüstungsindustrie reduzierte sich der Mannschaftsbestand nochmals gravierend, so dass man auch vor der Verpflichtung von Jugendlichen - als Feuerlösch-HJ – und Greisen nicht zurück schreckte. Bei den zahlreichen auswärtigen Einsätzen ab dem Jahr 1942 mussten diese Kinder, zusammen mit ihren älteren Kameraden, die Schrecken der Bombennächte und der Feuerstürme in Frankfurt, Offenbach, Aschaffenburg, Mannheim, Kassel und Darmstadt durchleiden. Bilder, die viele ihr Leben lang nicht mehr vergessen konnten, brannten sich im Gedächtnis ein.

Die Nacht vom 19. März

Dann kam die Nacht zum 19. März 1945. Aufgrund des Angriffes der Royal Air Force, der die bereits schwer gezeichnete Stadt kurz vor Kriegsende ohne Vorwarnung traf, entwickelte sich ein Feuersturm, der die gesamte Innenstadt verzehrte und viele hundert Menschen in den Kellern und Straßen grausam mordete. In der untergehenden Stadt sollte die Feuerlöschpolizei noch Hilfe bringen, wo nahezu jede Hilfe unmöglich war. 10 Hanauer Feuerwehrkameraden starben, selbst völlig hilflos, in dieser Nacht in den Luftschutzkellern oder beim Rettungswerk. Die Übrigen standen, nachdem sie sich selbst hatten befreien können, zunächst entsetzt und machtlos vor dem Inferno. Über 30 auswärtige Feuerwehren kamen dem brennenden Hanau zu Hilfe. Vor allem auch ihnen ist es zu verdanken, dass trotz der fast aussichtslosen Situation noch viele Menschen aus dem Glutofen der Innenstadt freigekämpft und manche Häuser an der Peripherie der Stadt vor der Vernichtung bewahrt werden konnten.  

Als am nächsten Morgen die Frühlingssonne schemenhaft durch den dichten Brandrauch drang und die schwelenden Ruinenfelder beschien, als die Elendszüge der Ausgebombten aus der Stadt strömten, war allen Überlebenden auf niederschmetterndste Weise die Hinterlassenschaft von 12 Jahren Nationalsozialismus deutlich vor Augen geführt: Die altehrwürdige Grafenstadt mit ihren historischen Baudenkmälern, die Stadt des edlen Schmuckes und die Geburtsstadt der Brüder Grimm war über Nacht zu einem Ort des Grauens geworden und teilte somit das Schicksal vieler anderer europäischer Städte.

Mit einem amtlich festgestellten Zerstörungsgrad von 70,1 Prozent war Hanau die weitaus am meisten zerstörte Stadt Hessens und gehörte sogar zu den meist zerstörten Städten des gesamten Reiches. Lässt man die etwas abseits gelegenen Stadtteile Kesselstadt und Lamboy außer Betracht, so errechnet sich sogar ein Zerstörungsgrad von über 98 (!) Prozent.

Auch die Hanauer Feuerwehr stand, als nur eine Woche später amerikanische Truppen die Stadt befreiten, vor einem Trümmerhaufen. Die Hauptfeuerwache im Zeughaus war, wie die meisten Fahrzeuge und Geräte, zerstört. Die verbliebenen Fahrzeuge mussten mit den überlebenden Kameraden auf Befehl der Luftschutzleitung die Stadt, formiert als Feuerlösch- und Entgiftungseinheit der Wehrmacht, verlassen, um anderswo dem in den letzten Zügen liegenden Reich noch dienen zu müssen. Die Kolonne, der auch Fahrzeuge und Mannschaften der Feuerwehren Bruchköbel und Bad Kreuznach angehörten, war mehrfach feindlichem Jagdfliegerbeschuss ausgesetzt, wobei weitere Fahrzeuge zerstört und mehrere Kameraden getötet oder schwer verwundet wurden.  

Nur der Kesselstädter Zugführer Karl Reichert widersetzte sich dem Befehl zum Abrücken und verblieb mit einem (!) funktionstüchtigen Löschfahrzeug und einigen Männern in Hanau. Er war es auch, der seinen Löschzug zusammenhalten und aus diesen bescheidenen Anfängen eine schlagkräftige Feuerwehr aufbauen konnte. Der gelernte Silberschmied Reichert war ein Praktiker und von der Pike auf Feuerwehrmann. Ohne Hemmungen setzte er sich über viele alte Gewohnheiten hinweg und räumte manches Hindernis aus dem Weg. Er suchte bereits frühzeitig – noch lange vor dem 8. Mai 1945 - den Kontakt zu den amerikanischen Verwaltungsstellen und konnte auf diese Art, wenn auch sicherlich noch kein Vertrauen, so doch zumindest in der Sache begründete Kooperation herstellen. Diesem mutigen Engagement (welches der Feuerwehr übrigens auch den Auftrag einbrachte, bis zum 15. April den polizeilichen Sicherheitsdienst (!) in Hanau auszuüben) ist es zu verdanken, dass es in Hanau im Bereich des Brandschutzes einen nahezu nahtlosen Übergang gab und die Sicherstellung des Feuerschutzes – für die traurigen Überreste der Stadt - nicht einen einzigen Tag zum Erliegen kam. Unter Reicherts Leitung fanden sich erstaunlich schnell viele der in alle Winde zerstreuten Wehrmänner wieder zusammen, und bereits Anfang April 1945 konnte der erste Großbrand nach dem 19. März erfolgreich bekämpft werden.  
 

Wiederaufbau in der Zeit nach 1945

Bis zur Währungsreform war der Alltag vor allem durch die Rückführung ausgelagerter Gerätschaften, die – meist improvisierte - Wartung und Instandhaltung des Fahrzeug- und Geräteparkes, die Beschaffung und Instandsetzung einer notdürftigen Unterkunft in dem Remisenbau von Schloß Philippsruhe und die mühevolle Beschaffung von Werkzeugen, Schutzkleidung und Kraftstoffen für die Fahrzeuge gekennzeichnet. Da dies rein ehrenamtlich nicht zu leisten war, wurden noch 1945 fünf hauptamtliche Kräfte, unter ihnen Karl Reichert, eingestellt. Der Einsatzdienst war durch die allgemeine Versorgungslage zusätzlich erschwert. Die Männer der freiwilligen Feuerwehr erhielten daher für die geleisteten Einsätze eine Schwerarbeiter - Zulage in Form von zusätzlichen Lebensmittelmarken.

1949 konnte das erste neue Fahrzeug nach dem Krieg, eine Magirus – Drehleiter DL 22, angeschafft werden, gefolgt von einem Tanklöschfahrzeug TLF 16 im Jahre 1954.

Schon bald erwies sich die provisorische Feuerwache in Kesselstadt als unzureichend. Vor allem die Eingreifzeiten aufgrund der langen Anfahrtswege zum Stadtzentrum und zur Industrie, die durch geschlossene Bahnschranken oft noch weiter verzögert wurden, zeigten verhängnisvolle Auswirkungen. Der Vorstand der Feuerwehr drängte auf einen zentral gelegenen Neubau, der jedoch immer wieder verschoben wurde. Als die Kameraden schließlich mit der Auflösung der Feuerwehr drohten, wurde im Wallweg mit dem 1. Bauabschnitt der Hauptfeuerwache begonnen, der im Jahr 1961 anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Wehr feierlich eingeweiht werden konnte.

Das ungewöhnliche Wachstum der durch den Krieg nahezu völlig zerstörten Stadt führte im Folgenden auch bei der Feuerwehr zu stark geänderten Aufgaben, Ausstattungen und Organisationsformen. Oftmals hinkte man den Entwicklungen hinterher, so rasant gestaltete sich der Fortschritt in allen Bereichen des täglichen Lebens. Viele bedeutende Ereignisse bestätigen diese Feststellung. Stellvertretend sei nur an die Eingemeindung mehrerer Städte und Gemeinden in den Jahren 1972 und 1974 und den Um- und Ausbau der Hauptfeuerwache von 1974 bis 1977 erinnert. Auch die Beschaffung von Spezialfahrzeugen, wie beispielsweise eines Trocken-Löschfahrzeuges TroLF 750 und Schlauchwagens SW 2000-Tr. in den 60er Jahren, Rüstwagen RW 3-St, Leiterbühne LB 30, Gerätewagen GW-Öl und Großtanklöschfahrzeug GTLF 6 zu Beginn der 70er Jahre und Gerätewagen Atemschutz/Strahlenschutz GW A/S und Chemikalienschutzausrüstung auf Anhänger Anfang der 80er Jahre verdeutlichen diese rasante Entwicklung. Es würde den Rahmen dieser kurzen Chronik sprengen, alle Brände und Unglücksfälle, bei denen die Hanauer Feuerwehr in Tätigkeit treten musste, zu erwähnen. Insoweit wird auf die Auflistung ausgewählter, besonderer Einsätze am Schluß dieser Chronik verwiesen. Obwohl eine ganze Reihe außergewöhnlicher und großer und auch gefährlicher Einsätze zu bewältigen waren, blieb die Mannschaft der Wehr in dieser Zeit glücklicherweise von schweren Unfällen weitgehend verschont. 

Egon Zeiger kommt ums Leben

Besonders tragisch endete jedoch für den Hanauer Stadtbrandinspektor Egon Zeiger ein Atemschutzeinsatz anlässlich eines Zimmerbrandes am 14. November 1985. Einem dabei erlittenen Herzinfarkt erlag er trotz sofort eingeleiteter Reanimation am 8. Dezember. Zeiger wurde am 26. März 1975 als erster gemeinsamer Stadtbrandinspektor aller Hanauer Stadtteile gewählt. Es ist vor allem sein Verdienst, wenn die Gebietsreform in Hanau, trotz anfänglicher, wohl unvermeidlicher Reibereien, zu einer vollständigen Integration aller Hanauer Feuerwehren zu einem funktionierenden Ganzen führte. 

Gründung der Jugendfeuerwehr

Einiges Kopfzerbrechen bereitete den Verantwortlichen der seit Jahren kontinuierliche Mitgliederschwund, besonders in der Innenstadt. Dem begegnete man im Jahr 1983 in Hanau-Mitte mit der Gründung einer Jugendfeuerwehr. Dieses, von vielen altgedienten Kameraden zunächst mit Skepsis aufgenommene Projekt, ist zur vollen Zufriedenheit ausgefallen, so dass sich heute die meisten aktiven Kameraden und Kameradinnen aus den Reihen der Jugendfeuerwehr rekrutieren. 

Aufbau eines hauptamtlichen 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes

Bis zum Jahr 1986 war die Hauptfeuerwache „Am Steinheimer Tor“ nur tagsüber mit hauptamtlichen Feuerwehrkräften für den Einsatzdienst besetzt, während nachts, an den Wochenenden und Feiertagen nur zwei Kräfte in der Leitstelle für die Entgegennahme der Notrufe und den Funkverkehr ständig anwesend waren. Die Zahl der hauptamtlichen Feuerwehrkräfte wuchs im Laufe der Jahre immer weiter an. Unter Stadtbrandinspektor Brandrat Gerhard Reichhardt, der die Hanauer Feuerwehr von 1986 bis 1995 leitete und sich große Verdienste erwarb, wurde zum ersten Male ein ständiger 24-h-Bereitschaftsdienst eingerichtet, so dass zumindest eine kleine Wachgruppe rund um die Uhr für den Einsatzdienst zur Verfügung stand und nicht bei jeder Kleinigkeit die freiwillige Feuerwehr alarmiert werden musste. Mittlerweile steht zu jeder Tages- und Nachtzeit eine hauptamtliche Löschgruppe (9 Mann) und ein Fernmelder für die selbständige Abwicklung von Kleineinsätzen und den Ersteinsatz bei größeren Schadensfällen bereit. Auch begann Reichhardt mit der dringend notwendigen Modernisierung des überalteten Fahrzeugparks.

Die sprunghafte Weiterentwicklung bedingt allerdings auch, dass die Kapazität und der derzeitige bauliche Zustand der Hauptfeuerwache den Anforderungen in keiner Weise mehr gerecht werden. Auch die beiden auf dem Gelände der Feuerwache als „Provisorium“ errichteten „Containersiedlungen“ können die Enge kaum mildern. So ist ein Neubau bereits seit Anfang der 1990er Jahre immer wieder geplant und wieder verworfen worden, bis dieser dann letztlich realisiert werden konnte. 

Die neue Hauptfeuerwache wurde im Jahr 2011 auf dem Gelände der ehemaligen Hutier-Kaserne im Stadtteil Lamboy fertig gestellt. Auf dem rund 30.000 Quadratmeter großen Gelände wurde nicht nur der Neubau errichtet, sondern auch eine vorhandene Panzerhalle der US-Streitkräfte für die Bedürfnisse der Feuerwehr Hanau umgebaut. Die Kosten für den Neu- und Umbau wurden mit rund 22 Millionen Euro geplant. Das Projekt wurde mit ca. 23 Millionen Euro realisiert. Das Land Hessen förderte den Neubau mit 3,9 Millionen Euro. Der Main-Kinzig-Kreis gab einen Zuschuss von weiteren 822.000 Euro zum Bau einer Brandsimulationsanlage auf dem Gelände. Der Neubau und sogleich das Hauptgebäude mit einer Fahrzeughalle für 28 Einsatzfahrzeuge im Erdgeschoss und Räumen für die Verwaltung sowie Schulungen im ersten und zweiten Obergeschoss bietet auch Bereitschafts- und Ruheräume. Mit der Fertigstellung kurz vor dem Umzug am 13. August 2011 aus der ehemaligen Wache Am Steinheimer Tor wurde die neue Wache in der August-Sunkel-Straße mit einem großen „Umzug aller Fahrzeuge“ bezogen – ein Umzug, wie man ihn nur alle Jahrzehnte zu Gesicht bekommt. In der vorhandenen Panzerhalle wurden dann nach dem Umbau die Werkstätten, die Atemschutzstrecke und die Waschhalle untergebracht. Stellplätze für die Abrollbehälter und die Fahrzeuge hierfür wurden ebenfalls in der umgebauten Panzerhalle realisiert. Darüber entstand in ab Mitte 2011 an der Nordseite der Halle ein Brandhaus, dessen Betrieb im Juli 2012 aufgenommen wurde. Die Brandsimulationsanlage dient Kameraden aus Hanauer Feuerwehren und den Kreisfeuerwehren als Ausbildungszentrum. Der Schlauchturm, der von weitem sichtbar die Feuerwache Hanau markierend in die Höhe ragt, dient beispielsweise zu Übungen für das Abseilen, den Einsatz von Leitern oder das Treppensteigen unter Atemschutz. Weiterhin entsteht noch in diesem Jahr 2012 auf dem Gelände ein kleiner Sportplatz. Eine auf dem Gelände bereits durch die US-Streitkräfte installierte Tankstelle konnte nicht erhalten bleiben. Nach all diesen Neuerungen freut sich die Feuerwehr Hanau nun über neue Nachbarschaft. Die auf zwei Seiten der Feuerwache entstandenen Neubauten der Johanniter, der DLRG und des DRK haben den Standort in der August-Sunkel-Straße mit der Zeit zu einem Gefahrenabwehrzentrum wachsen lassen.

Soweit diese kurze Darstellung der Entwicklung des Brandschutzes in Hanau. Ausführlichere Informationen bieten die Festschriften zum 25-jährigen Bestehen von 1886 und zum 125-jährigen Bestehen aus dem Jahre 1986, welche Grundlage für diese kleine Chronik sind, sowie die umfangreichen Quellen im Vereinsarchiv. 

Geschrieben von Oliver Preiß


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    Steiger Corps der Freiwilligen Feuerwehr um 1870

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    Mannschaft vor Opel-Motorspritze, 1920er Jahre

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    Übung mit Sprungtuch auf dem Paradeplatz, 1939

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    Löschgruppe im Luftschutz-Keller Behördenhaus, 1943

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    Rohbau der Feuerwache Friedrich-Ebert-Anlage, 1959

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    Hauptfeuerwehrwache am Steinheimer Tor im Jahre 1961